Sichtbarkeit an über 200 Orten - 9. CSD in Cottbus bleibt mir lange in Erinnerung

Die Bürgermeisterin und Schirmfrau des CSD Cottbus,
Marietta Tzschoppe, schreibt in ihrem Grußwort:
"...Auch in Cottbus sind manchmal Vorbehalte gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe anzutreffen. Deswegen ist ein gesellschaftliches und politisches Engagement nach wie vor unverzichtbar, um unterschiedliche sexuelle Identitäten und Geschlechter im Bewusstsein der Gesellschaft selbstverständlich werden zu lassen..."

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Zwei volle Wochen CSD hat Cottbus in den Jahren zuvor noch nie gesehen. Ehrenamtliche zündeten ein Veranstaltungsfeuerwerk rund um das Motto "Liebe ist bunt", das beeindruckte.

Vom 3. bis 15. Juli 2017 verliefen die Pride Weeks. Comic-Ausstellungen, Diskussionsrunden, Filmabende, ein Fachforum gegen Homo- und Trans*phobie, Lesungen mit Familien und und und. Schließlich ergoss sich ehrenamtliches Engagment in einer zauberhaften Demo am Samstag.

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Was in diesem Jahr geglückt ist, hat die CSD-Vorstände doch ein wenig überrascht. An über 200 Orten wurden Regenbogenfahnen zum CSD gehisst. Kleine Unternehmen, vereinzelt auch Schulen, große Institutionen und Verwaltungen haben das Symbol der Homo- und Trans*bewegung flattern lassen. Im vorigen Jahr hatten rund 150 mitgemacht.

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Die Regenbogenfahne bedeutet für mich "Freiheit". Das heißt, Freiheit, lieben zu dürfen, wen ich möchte. Und frei zu sein, zu leben und zu lieben, wie ich es möchte. Sie verbindet mich mit den vielen Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen müssen und ihr Leben für diese Freiheit gaben. Ja, dieses Stück Stoff verbindet Menschen und sie verbindet mich.

Die Regenbogenfahne ist seit 1978 weltweit anerkannt. Die Farben symbolisieren die Vielfalt der Lebensweisen.1996 wurde die Fahne erstmals an einem öffentlichen Gebäude gehisst. Seit dem 1. CSD in Cottbus wurde auch am Rathaus und später dann am Erich Kästner Platz geflaggt. Ganz selbstverständlich war dieses Signal mit dem CSD in Cottbus verbunden.

In diesem Jahr machte die Stadt Cottbus einen Schachzug, mit dem wohl keine_r so recht gerechnet hatte. Die Gebäude der Stadt Cottbus, also das Rathaus und das Stadthaus, blieben unbeflaggt. Wie schade. Der Oberbürgermeister hatte die Beflaggung am Erich Kästner Platz im Jahr 2016 neu geregelt. Demnach dürfe die Regenbogenflagge dort nicht mehr hängen.

Viele Organisationen, darunter der AIDS-Hilfe Lausitz e.V., CSD Cottbus e.V., Landesverband AndersARTiG e.V. und andere haben sich zu der Entscheidung der Stadtspitze geäußert. Bis zuletzt hatte die Landesgleichstellungsbeauftragte Monika von der Lippe versucht, den Oberbürgermeister zum Einlenken zu bewegen. Es ward vergebens.

In diesem Jahr sollte die Regenbogenfahne am Rathaus und Stadthaus nicht aufgehängt werden. Punkt.

Ich finde diese Entscheidung sehr bedauerlich. Es macht mich traurig, wenn auf der einen Seite doch sehr deutlich in einem Grußwort darauf hingewiesen wird, dass gesellschaftliches und politisches Engagement notwendig ist und nun doch ein Kurs eingeschlagen wird, der zeigt, wie wenig Kraft und Bestand diese Worte haben.

An welcher Stelle des CSDs konnten die Teilnehmenden erkennen, dass die Stadt Cottbus sich für Respekt und Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*, Inter* und queeren Menschen einsetzt? Die Regenbogenfahne am Erich Kästner Platz hätte ein Zeichen sein können, dass von vielen Teilnehmenden verstanden wird. Die Stadtspitze hat sich einem, wie auch immer gearteten, politischen Druck gebeugt. Ja, so weit sind wir nun schon in Cottbus. Man wolle die Beflaggung am Erich Kästner Platz steuerbar halten und die Flaggenmaste nicht Organisationen mit ihren Fahnen überlassen, die dort niemand sehen wolle, hieß es aus dem Büro des Oberbürgermeisters. Damit ist das Regenbogenflaggenverbot eine Art Präventivmaßnahme und macht zugleich deutlich, dass Werte, wie Weltoffenheit, Toleranz und Menschlichkeit scheinbar verhandelbar sind. 8 Jahre zuvor wurde die Regenbogenflagge mit Applaus aufgezogen. Nun hat sich das Rad gedreht.

Der Leiter der Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule und Trans* Belange des Landes Brandenburg, Lars Bergmann, sagte dazu:

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Ich bin mir sicher. Die CSD-Aktivisten werden wegen einer fehlenden Regenbogenfahne am Stadthaus nicht den Kurs verlassen. Ganz im Gegenteil. Liebe Stadt Cottbus, Du nutzt wohlklingende Worte, wie "weltoffene Stadt Cottbus". Was ist Weltoffenheit eigentlich? Was soll darunter verstanden werden? Ich bin mir sicher - Jahr für Jahr, für Jahr, werden Engagierte mit Dir gemeinsam, kritisch an diesen Worten arbeiten. Wir kommen wieder.